Von der
Zeit
Der eine oder die
andere Leserin meines Blogs wird sich vielleicht gewundert haben, dass schon
seit längerer Zeit kein neuer Beitrag
erschienen ist?
Das liegt an der Zeit. An der Zeit
die ich in letzter Zeit nicht hatte. Ich war
nämlich damit beschäftigt, meine bzw. unsere goldene Hochzeit vor- und nachzubereiten.
Die Zeit der Vorbereitung gab uns auch Gelegenheit
über die vergangenen
50 Jahre nachzudenken
und zu reflektieren.
50 Jahre!
Das ist ein halbes Jahrhundert!
Das muss man sich erst einmal bewusst machen, denn gleichzeitig muss ich
gestehen, dass es mir gar nicht so bewusst ist. Denn man lebt das Leben – mein Leben,
unser Leben und ist verstrickt in den Alltag. Zuerst der Aufbau des eigenen
Haushaltes und des Berufes – eine schöne Zeit, denn wir genossen die
Eigenverantwortung und Selbständigkeit vom Elternhaus.
Dann kamen die Kinder! Ich
gab meine gut bezahlte Anstellung auf und widmete mich der Familie. Das war
damals so üblich. Das hieß aber nicht, dass man „nur den Haushalt schupfte“. Ich
frage mich heute oft, wie ich alles unter einen Hut gebracht habe? Haushalt, die
Betreuung meiner Mutter, Mithilfe im Kindergarten und Volksschule bei
Wandertagen, Schulmilchaktionen, soziale Engagements in der Pfarre und im Umweltbereich
und anderes mehr (alles unentgeltlich natürlich).
Zwei Mal in der Woche brachte
ich die Kinder in die Musikschule, zum Zeichenkurs und anderen
Freizeitaktivitäten.
Dazwischen hatte ich
auch Zeit für meine Hobbys. Damals war Seidenmalerei „in“. Ich bewundere heute alle
berufstätigen Mütter, wenn sie das alles zusätzlich zum Beruf machen. Hut ab!
Dann kamen die Jahre
meines zweiten Bildungsweges. Sehr bereichernd und Türöffner für meinen
Traumberuf, Lehrerin, den ich dann bis zu meiner Pensionierung ausübte. Und bei
all dem stand mein Mann neben und hinter mir! Er war es vor allem, der meine
Weiterbildungen förderte. Wir planten und schafften vieles gemeinsam.
Das alles ist nicht
selbstverständlich und ich bin dem Leben dafür sehr dankbar!
„Was war die schönste
Zeit?“ wurde ich einmal gefragt.
Das kann ich gar nicht
sagen, denn jeder Lebensabschnitt brachte neue Aufgaben, neue Herausforderungen,
neue Eindrücke und neue Menschen als Wegbegleiter mit sich.
In guten wie in
schlechten Zeiten versprachen wir uns damals. Gab es schlechte Zeiten auch? Ja,
die gab es in Form von Krankheiten. Die letzten 20 Jahre waren geprägt von
verschiedenen Krankheiten, die alle meinen Mann betrafen und sicher eine große
Herausforderung für ihn, aber auch für mich waren. Aber zum Glück trafen wir
immer die richtigen Ärzte zum richtigen Zeitpunkt die uns, bzw. meinem Mann
helfen konnten.
Und was hat sich in den
letzten 50 Jahren alles verändert?
Naja, also ich muss gestehen, dass ich in der Zwischenzeit um 20 kg schwerer geworden bin.😉 Davon abgesehen fanden enorme Fortschritte bei der digitalen Technik statt.
Erledigte man damals viele Wege persönlich oder mit Telefonaten, so geht das
heute alles mittels Internet. Und die Computer wurden immer kleiner und leichter.
Das Gleiche gilt auch für die Telefonie: Hatten
wir zu Beginn der siebziger Jahre noch ein „Vierteltelefon“ zu Hause, so hat heute fast
jeder ein Smartphone mit dem man noch viel mehr kann, als nur telefonieren.
Auch die Autos haben
sich weiterentwickelt. 1972 fuhren wir mit einem VW-Käfer durch das Kanaltal
nach Caorle. Die Autobahn endete zuerst beim Semmering, später vor Klagenfurt.
Heute haben die Autos eine Klimaanlage und viele technische Finessen, die lange
Fahrten angenehmer und sicherer machen.
All diese Gedanken und
Erinnerungen haben mich dazu bewogen, nachfolgenden Text als Einstieg bei unserem
Hochzeitsjubiläum auszuwählen. Hier möchte ich ihn als Abschluss meiner Zeitreise bringen:
Von
der Zeit
aus
„der Prophet“ von Khalil Gibran
Und ein Astronom sagte: „Meister, was ist mit der
Zeit?“
Und er antwortete:
„Ihr wollt die Zeit messen, die maßlose und unermessliche?
Nach Stunden und Jahreszeiten wollt ihr euren Wandel
richten und sogar den Lauf des Geistes lenken?
Aus der Zeit wollt ihr einen Strom machen, an dessen
Ufer ihr sitzt und zuschaut, wie er fließt?
Doch das Zeitlose in euch, ist sich der
Zeitlosigkeit des Lebens bewusst und weiß, dass das Gestern nichts anderes ist als
die Erinnerung von Heute und das Morgen der Traum von Heute!
Und das, was in euch singt und sinnt, immer noch
innerhalb der Grenzen jenes ersten Augenblicks weilt, der die Sterne in den
Weltraum schleuderte.
Wer unter euch fühlt nicht, dass seine Kraft zu
lieben grenzenlos ist?
Und wer fühlt dennoch nicht, dass die Liebe,
obgleich grenzenlos, im Kern seines Seins eingeschlossen ist und nicht von
Liebesgedanken zu Liebesgedanken oder von Liebestat zu Liebestat zieht?
Und ist nicht die Zeit wie die Liebe, ungeteilt und
ungezügelt?
Doch wenn ihr in eurem Denken die Zeit in
Jahreszeiten messen müsst, lasst eine jede Jahreszeit all die anderen umfassen.
Und lasst das Heute die Vergangenheit mit
Erinnerungen umschlingen und die Zukunft mit Sehnsucht.“
P.S.: Khalil Gibran wurde am 6. Dezember 1883 in Bischarri, im heutigen Libanon geboren. 1895 wanderte er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in die USA aus und lebte zuerst in Boston, studierte später in Libanon die arabische Sprache und in Paris Literatur und Malerei. Nach Beendigung seines Studium ging er zurück in die Vereinigten Staaten und lebte in New York. Dort starb er auch am 10. April 1931. Khalil Gibran war ein christlich-libanesischer Schriftsteller und Maler. Er sah sich als Vermittler zwischen der arabischen und westlichen Kultur. (https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/GibranKhalil)